Das Geschäft mit dem „PROBLEMPFERD“

Das Geschäft mit dem Problempferd oder…

Ein Unglück kommt selten allein!

Warum gibt es heutzutage so viele Pferde, die als „Problempferd“ die Runde machen, wie nie zuvor? Und warum meint jeder, dass ein Pferd therapiert werden muss? Gibt es tatsächlich so viele „schwarze Schafe“ unter Trainern, Sattlern und Co.? Oder warum boomt das Geschäft mit dem Problempferd gerade heute mehr denn je?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich viele Menschen über ihren Erfolg und ihren Status identifizieren. Das hat zur Folge, dass der Leistungsdruck immer größer wird und immer mehr Menschen dem Wort eines Außenstehenden mehr Bedeutung und Wahrheit zusprechen als dem eigenen Bauchgefühl. Es ist auffällig, dass auf die Fragen „Wer bin ich?, Was will ich? und Was kann ich?“ kaum noch jemand eine klare Antwort geben kann. Viele geben auf diese Fragen nur das wieder, was andere über sie sagen. Aber was hat das für Auswirkungen auf die heutige Reiterei?

Pferde nehmen nicht nur reiterliche Hilfen an und setzen diese um, sie nehmen auch zeitgleich intuitiv den Gefühlszustand des Reiters wahr und gleichen diese Informationen ab. Da der Gefühlszustand des Reiters aber oftmals nicht mehr mit dem Bild übereinstimmt, welches der Reiter nach außen von sich vermitteln möchte, kommt es hier schon zu ersten Missverständnissen zwischen Pferd und Reiter und die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ist gestört. Nun sucht der gemeine Reiter einen Reitlehrer/Trainer, dem er all die Kompetenzen zuspricht, die er sich selber nicht zugesteht. Was dann passiert zeigt euch diese kleine Geschichte.

Problempferd?

Eine Story über Reiter, Trainer, Sattler, Pferdeflüsterer & Co.

Jeder Trainer arbeitet nach seinem eigenen Konzept, seiner eigenen Methode, obwohl alle ein Pferd mit vier Füßen und weitestgehend den gleichen anatomischen Voraussetzungen reiten. Meistens haben diese Methodem sehr werbewirksame englische Namen, denn deutsch ist gerade aus. Die Reitschüler werden in den Trainings-/ Unterrichtseinheiten mit dem jeweiligen System vertraut gemacht, ohne zu wissen, dass es noch mindestens tausend andere mögliche Lösungswege gäbe. Wenn es gut läuft, stellt sich eine kurzfristige Verbesserung ein. So geht es dann eine ganze Weile, denn jeder Trainer/ Reitlehrer ist ja recht ideenreich. Irgendwann jedoch stagniert der Lernerfolg, denn auch ein Trainer/ Reitlehrer kann nur dass verändern, was er sieht und dazu gehört nur in den seltensten Fällen die Gefühlsebene seines Reitschülers. Der Reitschüler ist also irgendwann unmotiviert bis ratlos und der Trainer verliert in seinen Augen an Kompetenz, bzw. beide finden tausend Ausreden warum es keine Weiterentwicklung mehr gibt.

Der ganz normale Wahnsinn…

Als nächstes wird ein Sattler auf den Plan gerufen, der soll´s jetzt richten. Denn der Sattel kann ja mit dem kurzfristigen Muskelaufbau eigentlich nicht mehr passen und ist mit Sicherheit der Grund für das stagnierende Training 😉 Nach welchen Kriterien bitteschön soll der Sattler nun arbeiten? Dem derzeit aufgemuskelten Pferd, welches schon wieder durch das stagnierende Training auf dem Wege zum Muskelabbau ist, wird also ein jetzt passender Sattel verkauft. Gerne noch mit etwas Spiel nach oben, da ja nun alles wieder gut wird, denn die Stagnation hing ja nur mit dem nicht passenden Sattel zusammen, wir erinnern uns. Durch das nun folgende Training wird das Pferd sicher weiter aufmuskeln.

Mit etwas Glück passt der Sattel wenigstens einem, nämlich dem Reiterhintern. Leider haben zu viele Sattler nicht den Mumm, dem Reiter zu sagen, dass sein Hinterteil eigentlich zu prall für das gewünschte Sattelmodell ist. Es könnte ja sein, dass der Kunde das nicht gerne hört und einfach einen anderen Sattler aus dem Überangebot kommen lässt. Da jeder ja irgendwie um´s überleben kämpft, zumindest ein Stück weit nachvollziehbar, oder?

Die Konsequenzen trägt das „Problempferd“

Kommen wir an dieser Stelle zu den ersten Folgen für´s Pferd: Der Sattel drückt auf die Schulter, da er zum jetzigen Zeitpunkt zu weit ist und nach vorne kippt. Grund dafür ist die noch fehlende Muskulatur, ihr erinnert euch? Dadurch wird die Pferdeschulter in der Bewegung blockiert, was zur Folge hat, dass das Pferd sich im Bewegungsablauf noch weiter verschlechtert. Durch den für den Traumsattel überdimensionierten Reiterhintern, der nun sehr viel Druck auf den Sattelkranz bzw. je nach Reitweise das Cantle bringt, sitzt der Reiter hinter dem Schwerpunkt und drückt den Sattel gekonnt bei jedem Schritt in die Nierenpartie des Pferdes.

Beides wird das Pferd, wie sich sicher jeder vorstellen kann, nicht arbeitswilliger machen. Geschweige denn das Pferd dazu bewegen mehr über den Rücken zu gehen. Dazu kommen Unarten wie Ohren anlegen, beim Aufsitzen beißen, bis hin zum Buckeln und Steigen, um sich von den Schmerzen zu befreien. Selbst wenn jetzt ein schlauer Kopf sagen würde, der Sattel passt nicht, könnte der Reiter sich aber nun keinen passenden Sattel mehr leisten. Denn dieser ist ja neu und wurde schließlich eigens für das edle Ross angepasst.

Dummheit schützt vor Strafe nicht

Wem kann der Reiter in einer solchen Situation nun die Schuld geben? Wer hat hier einen Fehler gemacht? Der Reitlehrer, der mit seinen Methoden am Ende war und nach bestem Wissen und Gewissen an den Sattler verwiesen hat? Oder der Sattler, der gutgläubig die gut gemeinten Ausführungen des Reiters über den möchte gern Zustand seines Pferdes als Ausgangssituation genommen hat? Oder der Reiter, der nach all seinen Möglichkeiten bis hierher schon viel Geld versenkt hat, um mit seinem Partner Pferd glücklich und zufrieden seinem Hobby frönen zu können? Eigentlich hat er ja alles erdenkliche unternommen, damit es seinem Pferd gut geht. So richtig Schuld hat also niemand, aber wie geht es nun weiter?

Pferdeprofis an die Front

Von Horsemen & Pferdeflüsterern

Die eine Reiterfraktion sucht eine Tierklinik nach der anderen auf und hat am Ende immer noch keine aussagekräftigen Ergebnisse. Weil der Zustand ja noch nicht lange genug existiert, um die Sehnen und Bänder so überbelastet zu haben, dass bereits eine, durch die fortschrittliche medizinische Diagnostik sichtbare, Veränderung eingetreten wäre. Die andere Reiterfraktion sucht als nächstes einen selbsternannten Horseman, Pferdeflüsterer oder Pferdeprofi auf.

Eigentlich ja auch egal, denn eines haben alle gemeinsam, aus dem Reiter wird erst einmal wieder ein Fußgänger gemacht, denn die Ursache allen Übels ist sicher ein Kommunikations- oder Dominanzproblem. Also erst mal Sattel runter und Knotenhalfter drauf. Schön, so haben wir das Problem wenigstens vorübergehend beseitigt, denn ohne Sattel auch kein Satteldruck. Aber was, wenn der jetzige Fußgänger, eigentlich ja Reiter, sich an seinen eigentlichen Wunsch, nämlich an das Reiten erinnert und wieder in den Sattel steigen will?

Darf ich vorstellen: Das fertige Problempferd!

Auch das ist vorübergehend kein Problem, denn jetzt wo der Sattel länger nicht auf dem Pferd gelegen hat, ist selbiges ja erst einmal wieder kooperativer bis… es durch regelmäßiges Reiten wieder an den nicht passenden Sattel und die damit verbundenen Schmerzen erinnert wird. Haben Pferde doch tatsächlich auch ein (Schmerz) Gedächtnis?!?!?!?! Der Satteldruck macht sich nun sofort und noch deutlicher bemerkbar, da durch´s „nicht Reiten“ sich noch mehr Muskulatur verflüchtigt hat.

Das Ergebnis: Das Pferd steigt und widersetzt sich dem Reiter- es wird gefährlich! Das „Problempferd“ ist fertig. Es gilt als unreitbar und ist bestenfalls noch als Beistellpferd zu gebrauchen. Gerne wird ein solches Problempferd im Falle einer Stute auch als Zuchtstute abgegeben, oder an Händler verkauft. Dieser wiederum verkauft es dann gerne als gut ausgebildetes Freizeitpferd weiter, da ja schon so viele Profis mit dem Pferd gearbeitet haben. Der Reiter hat einen Nervenzusammenbruch, ist sehr einsam, da sein gesamtes Umfeld total genervt ist und wenn er Pech hat, haben alle diese Maßnahmen auch noch dazu geführt, dass sein Kühlschrank leer bleibt und die Mäuse ausziehen müssen.

Wieso? Weshalb? Warum?- Wer viel fragt bleibt dumm!

Falls ihr euch oder eine Freundin in dieser Geschichte wiederfindet, oder ein „braves gut ausgebildetes Freizeitpferd“ gekauft habt und euch fragt, was ihr falsch macht, weil ihr das „gute Stück“ nicht bedienen könnt, oder diese Geschichte erst gar nicht an eigenem Leib erfahren möchtet, merkt euch folgendes:

  • Lernt zu fühlen wie ein Pferd!
  • Denkt Lösungsorientiert!
  • Was ist ein korrekter Bewegungsablauf? Wann gibt es Unregelmäßigkeiten? Wann treten diese auf?
  • In jedem Problem ist bereits die Lösung verborgen!
  • Das Richtige ist immer einfach!
  • Ihr selbst seid für euch und eurer Pferd der beste Trainer!
  • In jedermann steckt etwas kostbares, das in keinem anderen ist!
  • Traut euch selber mehr zu, ihr schafft das!

 

PS: Übrigens… wir verkaufen keine Sättel ;-)!!!!!

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