Leben mit Rheuma: Warum ich trotz der Diagnose Pferdetrainerin geblieben bin

9. Oktober 2026 6 Min. Lesezeit

Bloggrafik: Leben mit Rheuma als Pferdetrainerin

Jutta ist Pferdetrainerin. 2010 hat sie die Diagnose rheumatoide Arthritis bekommen – und sich gefragt, ob sie ihren Beruf aufgeben muss. Zum Welt-Rheuma-Tag erzählt sie hier in einem persönlichen Erfahrungsbericht von ihrem Leben mit Rheuma. Von Arztpraxen, in denen keiner hochschaut. Von dem Satz, der aus ihr eine andere Pferdetrainerin gemacht hat. Und von der Rheumapraxis, die sie sich wünscht. Aufgeschrieben habe ich ihre Geschichte für sie. – Denise

Das Wichtigste in Kürze
  • Jutta ist Pferdetrainerin. Ihr Leben mit Rheuma beginnt 2010 mit der Diagnose rheumatoide Arthritis.
  • Ihren Beruf hat sie nicht aufgegeben. Sie arbeitet heute anders mit Pferden, haushaltet besser mit ihrer Energie und sagt auch mal „Danke, aber nein“.
  • Ihr Wunsch an Rheumapraxen: zuhören und den Menschen hinter der Erkrankung sehen – das Blutbild sagt nicht alles.
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Den will ich haben

Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2036.

Ich gehe zur Kontrolle in die Rheumapraxis – bei mir um die Ecke, nicht fünf Städte weiter. Kein steriler Flur, kein gehetztes „Gleich“. Die Frau an der Anmeldung schaut hoch, lächelt und fragt: „Wie geht’s heute, Jutta?“ Und sie meint es auch so.

An der Wand hängen keine Belehrungen mehr über „richtiges Patientenverhalten“. Stattdessen steht da: „Reden hilft. Auch über Angst, Wut und Zweifel.“ Familien werden genauso unterstützt wie die Erkrankten. Alle verstehen hier, was Rheuma für die Betroffenen, ihren Alltag und ihr Umfeld bedeutet.

Rheumapraxis damals: Bloß nix Falsches sagen

Ich weiß noch genau, wie es damals war.

Du kommst rein und hältst kurz die Luft an. Sag bloß nix Falsches. Hinten hämmert jemand auf der Tastatur rum. Die Dame an der Anmeldung redet sich am Telefon um Kopf und Kragen. Sie versucht, dem Patienten am anderen Ende vehement zu erklären, dass er nicht mehr aufgenommen werden kann.

Keiner schaut hoch. Kein Hallo. Kein Blickkontakt. Nur Abarbeiten. Überall hängen Zettel, wie man sich als Patient zu verhalten hat. Da hab ich das erste Mal gedacht: So spricht man doch nicht mit Menschen, die krank sind. Mit Gesunden übrigens auch nicht.

Und dann dieser Satz meines Rheumatologen, als ich ihn nach Funktionstraining gefragt habe: „Das ist aber eine schöne Idee.“ Als hätte ich vorgeschlagen, zum Mond zu fliegen.

Ich hab genickt und innerlich gedacht: Kein Wunder, dass so viele Patienten irgendwann aufgeben. Du kommst mit Schmerzen, Angst und drängenden Fragen. Und du gehst raus mit dem Gefühl, dass dich keiner ernst nimmt. Ich hab mich oft gefragt: Warum sieht keiner den Menschen hinter der Erkrankung?

Rheumatoide Arthritis: Plötzlich bin ich an der Stelle meiner Mutter

Ich war immer eine, die voll reinhaut. Pferde waren mein Leben. Im Münsterland geboren, Stallgeruch in der Nase, acht Pferde am Tag. Reiten, Training, Stallarbeit – das war für mich Alltag. Und pure Freude.

Jutta Beckmann lacht und umarmt ihr braunes Pferd im Westernsattel – Pferdetrainerin vor ihrer Rheuma-Diagnose

Jutta früher: acht Pferde am Tag waren ganz normal.

Dass mein Körper irgendwann streiken könnte, konnte ich mir nicht vorstellen. Dann wurden die Handgelenke dick. Die Knie schmerzten, die Nächte wurden endlos lang. Ich hab’s weggeschoben. Überlastung, klar. Aber es ging nicht weg.

2010 dann die Diagnose: rheumatoide Arthritis. Kein Schock, eher ein dumpfer Treffer, der nachhallt. Meine Mutter hatte das auch. Sofort schossen die Bilder in meinen Kopf: Sie auf dem Sofa. Ich als Kind, genervt, weil ich dachte, sie ist einfach faul.

Und dann die Erkenntnis: Jetzt bin ich an ihrer Stelle. Heute tut es mir weh, wie hart ich damals über sie geurteilt habe. Und wie wenig wir in unserer Familie über ihre Schmerzen und ihre Erkrankung gesprochen haben.

Ich hab auf meine geschwollenen Handgelenke gestarrt und gedacht: Wer bin ich eigentlich, wenn ich keine Pferdetrainerin mehr bin? Mein ganzer Alltag beruhte auf Kraft und Bewegung. Und plötzlich stand alles still. So hat mein Leben mit Rheuma angefangen.

Die Medikamente haben mir etwas die Schmerzen genommen. Aber auch ein Stück Lebensfreude. Nach den wöchentlichen MTX-Spritzen hab ich zwei Tage mit dem Kopf überm Klo gehangen. „Normal“, hat mein Arzt gesagt. „Das Blutbild ist ja gut. Das gibt sich schon wieder.“ Ob ich so arbeiten konnte? Völlig egal.

Dieser eine Satz hat mich zu der Pferdetrainerin gemacht, die ich heute bin

Und dann kam ein Moment, der alles verändert hat.

Eine Kundin hat mich direkt auf meine Einschränkungen angesprochen: Denise. Sie hatte ein, nennen wir es mal, sehr eigenwilliges Pferd. Als Hypnosetherapeutin und Mentaltrainerin hat sie aber einen guten Riecher für Menschen. Sie lebt selbst mit Typ-1-Diabetes und hat sofort gesehen, wie sehr ich kämpfe.

Ich hab versucht, mich zusammenzureißen. Auch das entging ihr nicht. Irgendwann hat sie ruhig gefragt: „Wie lange willst du das noch so weitermachen?“

Da hab ich zum ersten Mal offen über meine Krankheit gesprochen. Über Schmerzen, Wut und Angst. Über die Panik, alles zu verlieren. Denise hat einfach zugehört. Und dann hat sie diesen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde: „Du musst nicht aufhören, mit Pferden zu arbeiten. Du musst nur anders mit ihnen arbeiten.“

Da hat’s klick gemacht.

Das war der Anfang. Von unserer gemeinsamen Arbeit – und von uns beiden. Heute ist Denise meine Frau.

Jutta und Denise Beckmann beim Heiratsantrag mit Blumenstrauß neben ihrem Pferd.

Jutta und Denise beim Heiratsantrag.

Leben mit Rheuma: Was ich bei der Arbeit mit Pferden heute anders mache

Heute begleiten wir zusammen Menschen, deren Körper nicht mehr so mitmacht wie früher – mit Pferd und ohne. Wir wissen, wie sich das anfühlt. Und wie leicht du dabei vergisst, dass du dein Leben trotzdem beeinflussen kannst.

Die Arbeit mit Pferden hat mir geholfen, wieder mehr auf das zu achten, was gerade da ist. Statt ständig zu grübeln, was gestern noch ging oder morgen vielleicht nicht mehr geht. Ich hab gelernt, besser mit meiner Energie zu haushalten. Und handlungsfähig zu bleiben, auch wenn’s sich gerade mal scheiße anfühlt.

Und ganz praktisch? Turniere reite ich keine mehr. Ich lass mich nicht mehr von außen bewerten. Statt Muskelkraft setze ich auf mentale Techniken. Wenn ich mir eine Bewegung vorher vorstelle, kann ich mich viel leichter bewegen. Manchmal lässt dann sogar der Schmerz nach. Früher hätte ich über sowas gelacht. Jetzt weiß ich: Es funktioniert.

Mit den Pferden mache ich Übungen, die weder viel Kraft noch viel Bewegung brauchen. Das Pferd trainiert dabei trotzdem gut. Eigentlich sogar besser, weil die Verständigung zwischen uns viel enger wird. Und ich lerne dabei jedes Mal was über mich.

Auch meine Ausrüstung hat sich verändert. Statt im Westernsattel sitze ich heute in einem Filzsattel von Isabell Steiner. Der ist leicht und zwingt mich in keine feste Sitzhaltung. Hüfte und Becken schwingen locker mit. Am Kopf trägt mein Pferd einen Hamerszaum. Den hab ich gemeinsam mit Hamerszaum für Pferdemenschen mit Rheuma in Händen und Fingern entwickelt. Er kommt ganz ohne Schnallen aus, ist sanft zum Pferd und trotzdem sehr präzise.

Jutta Beckmann sattelt ihren Schimmel mit einem Filzsattel – Leben mit Rheuma als Pferdetrainerin

Heute im Filzsattel: leicht und ohne starre Sitzhaltung.

 

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Ich kann besser steuern, was ich denke und wie ich mit meinen Gefühlen umgehe. Statt mich auszulaugen, sag ich heute auch mal: „Danke, aber nein.“

Ich hab durch Rheuma viel verloren, was mich früher ausgemacht hat. Sport, Tempo, dieses „immer weiter“. Aber ich hab auch etwas gewonnen, das ich sonst nie gelernt hätte: Klarheit, Ruhe, Selbstvertrauen. Und Menschen an meiner Seite, die mich wirklich sehen. Ich kämpfe nicht mehr gegen meinen Körper. Ich arbeite mit ihm. Und ich definiere mich nicht mehr nur über meinen Job.

Dein Körper lügt nicht – auch ohne Rheuma

Vielleicht hast du kein Rheuma. Vielleicht zwickt’s bei dir im Rücken, im Nacken oder in den Knien. Und vielleicht machst du’s wie ich damals: wegschieben. Überlastung, klar. Geht schon wieder. Hauptsache, das Pferd ist versorgt.

Ich sag dir, was ich durch mein Leben mit Rheuma heute weiß: Dein Körper lügt nicht. Je länger du ihn übergehst, desto lauter wird er. Und deinem Pferd kann es auf Dauer nur gutgehen, wenn du dich selbst nicht länger übergehst.

Die Rheumapraxis, die ich mir wünsche

Manchmal stell ich mir vor, meinem damaligen Arzt zu begegnen. Ich würde ihm sagen: „Das Blutbild ist nicht alles. Es zählt auch, wie’s einem wirklich geht.“

Und dann sehe ich wieder dieses Wartezimmer im Jahr 2036. Einen Ort, an dem sich niemand rechtfertigen muss. Ärztinnen und Ärzte, die zuhören. Familien, die gemeinsam lernen, wie Leben mit Rheuma geht, ohne dass die Krankheit alles auffrisst.

Ich hoffe, wir müssen nicht bis 2036 warten. Menschen mit Rheuma sollten nicht nur irgendwie funktionieren. Sie sollten sagen können, wie’s ihnen wirklich geht. Und damit ernst genommen und verstanden werden.

Denn genau das heißt für mich: Mit Rheuma radikal menschlich leben.

Häufige Fragen zum Leben mit Rheuma

Kann man mit rheumatoider Arthritis als Pferdetrainerin arbeiten?

Jutta arbeitet seit ihrer Diagnose 2010 weiter mit Pferden. Nicht mehr so wie früher, sondern mit Blick auf ihre Energie und mit mentalen Techniken statt Muskelkraft. Sie reitet im leichten Filzsattel und mit einem schnallenlosen Zaum, den sie für Hände mit Rheuma mitentwickelt hat. Ob und wie das bei dir geht, besprichst du am besten mit deiner Rheumatologin oder deinem Rheumatologen.

Können Gefühle Rheumaschmerzen beeinflussen?

Jutta merkt bei sich: Wenn sie ihre Gedanken und Gefühle besser steuert, lässt manchmal auch der Schmerz ein Stück nach. Wie Wut und Rheuma zusammenhängen können, haben wir im Artikel „Rheuma und Wut" aufgeschrieben.

Wann ist der Welt-Rheuma-Tag?

Der Welt-Rheuma-Tag ist jedes Jahr am 12. Oktober. Er soll zeigen, wie viele Menschen mit Rheuma leben und was sie im Alltag brauchen.

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Über die Autorin

Benutzerbild von Denise Beckmann

Denise Beckmann ist zertifizierte Hypnosetherapeutin (SOL), Mentalenergetikerin (SOL) und Pferdetherapeutin für Osteopathie, Physiotherapie und Akupunktur. Seit 2012 leitet sie gemeinsam mit Jutta Beckmann das Unternehmen Reitgeist im Münsterland und online. Sie lebt seit 1992 mit Typ-1-Diabetes und schreibt aus eigener Erfahrung über den Alltag mit der Erkrankung und moderner Diabetestechnik. 2024 erhielten Denise und Jutta den RheumaPreis. Heute arbeitet Denise mit Frauen mit hoher Verantwortung, deren Körper oder Pferd bereits auf anhaltenden Druck reagieren. Im Blog schreibt sie über die Zusammenhänge zwischen Körper, Psyche und Pferd sowie über eigene Erfahrungen und Fälle aus ihrer Arbeit.

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